One line

Ming Tsao: Das wassergewordene Kanonbuch

(2016/2017)

Das wassergewordene Kanonbuch ist ein Buch aus 20 Kanons für sechs Stimmen, wobei jeder Kanon einen Rätselkanon vom Mittelalter bis zur Renaissance mit Bezug auf die Poesie von Paul Celan retranskribiert. Jeder Original-Puzzle-Kanon wird von einer Chiffre begleitet, die den Schlüssel zu der Lösung des jeweiligen Rätsels beinhaltet, d.h. wann jede Stimme richtig einsetzen sollte und unter welchen Bedingungen (Diminution, Augmentation, Retrograde, Transposition), um die Regeln des Kontrapunkts dieser Zeit zu erfüllen. Jeder Titel eines Kanons wird gemäß diesen Chiffren benannt. Ausnahmen sind die fünf Kanons, die auf fünf Gedichten von Celan basieren, die eine andere Art von Chiffre anbieten, welche keiner Lösung bedürfen, sondern eher eine »Flaschenpost« ist:

»Das Gedicht kann… eine Flaschenpost sein, aufgegeben in demgewiß nicht immer hoffnungsstarkenGlauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland vielleicht. Gedichte sind auch in dieser Weise unterwegs: sie halten auf etwas zu. Worauf? Auf etwas Offenstehen- des, Besetzbares, auf ein ansprechbares Du vielleicht, auf eine ansprechbare Wirklichkeit.« (Paul Celan, Ansprache anlässlich der Entgegennahme des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen, 1958).

 

Während die Chiffren der Rätselkanons spezifische Lösungen erfordern, leistet Celans Poesie das Gegenteil, indem sie dieses Buch der Kanons für eine andere Realität öffnet, eine, in der die Zahlen, Proportionen und Symmetrieverhältnisse, die sorgfältig in die Musik eingewoben sind, sich mit Geräuschen andere Materialen vermischen, die sich einer lyrischen Gestaltung widersetzen und nicht leicht zu fassen sind. Diese andere Realität sucht nach einem Hören, bei dem Musik nicht mehr möglich erscheint und lyrischer Ausdruck sensibel ist für die Beziehungen zwischen menschlichem Einfluss und Präsenz in unserer Welt möglicher Klänge. Ein solches Zuhören kann auf- treten, wenn die expressiven Aspekte der Musik gebrochen und beschädigt sind und es zu Öffnungen zwischen der kompositorischen Arbeit und der größeren Weltordnung kommt.

 

Die rhythmische und metrische Struktur für jeden Kanon wurde von Prynnes Gedicht Pearls That Were abgeleitet, das sich auf Shakespeares Der Sturm (d.h. Voll Faden fünf) bezieht.

 

Voll Faden fünf dein Vater liegt

Aus Beinen ist Koralle,

Aus Augenlicht die Perlen:

Alles bleibt und schwindet nicht

Sondern Seegang erleidet

Umgewandelt reich und fremd.

Stündlich läutet Seegesang:

Bimbam Horch! Jetzt hör‘ ich ihnbimbam bim.

William Shakespeare, Der Sturm, 161011

 

Meine erste Oper »Die Geisterinsel« (201011) basierte ebenfalls auf Der Sturm. Man kann sich »Das wassergewordene Kanonbuch«, gesungen von dem auf Prosperos Insel beheimateten Geisterchor, als Nachspiel zu meiner Oper vorstellen, wenn Prosperos Einfluss verschwunden ist und die Geister ihre Musik wiederentdecken können.

(Ming Tsao)

 

Caliban:

Diese Insel ist voll von Getöse,

Tönen und anmutigen Melodien, die belusti-

gen und keinen Schaden tun.

Ming Tsao, »Die Geisterinsel«/Libretto aus William Shakespeare und Friedrich Wilhelm Gotter

 

 

Titel und Musikalische Referenzen:

 

1. Noli me tangere (Josquin Desprez: Missa L’homme arme super voces musicales)

 

2. Die Zahlen (Johannes Ockeghem: Missa Prolationum Kyrie)

 

3. Hunc discas morem, si vis cantare tenorem: ut iacet attente, cantetur subdiapenthe (Guillaume Dufay: Bien veignes vous, amoureuse liesse)

 

4. Weissgrau (Johannes Ockeghem: Missa Prolationum Gloria)

 

5. Dum tria percurris quatuor valet.

Tertius unum subque diapason sed facit alba moras (Johannes Ciconia: Le ray au soleyl)

 

6. Wo? (Johannes Ockeghem: Missa Prolationum Credo)

 

7. Omnia per circuitum (Baude Cordier: Tout par compass suy compose)

 

8. Tenor crescit in duplo (Guillaume Dufay: Missa Se la face ay pale)

 

9. Canon in Diapente (Giovanni Pierluigi da Palestrina: Rex Pacifica)

 

10. Cancer eat plenus sed redeat medius (Guillaume Dufay: Missa L’homme arme)

 

11. Reverte citius (Josquin Desprez: 15. Pigmeus hic crescat, gigas

 

12. In gradus undenos descendant multiplicantes, consimilique modo crescent antipodes uno (Josquin Deprez: Missa Fortuna desperate)

 

13. Scinde vestimenta tua redeundo (Antoine Brumel: Missa Ut re mi fa sol la)

 

14. Fuga trium temporum in diapente remissum (Adrian Willaert: Salve Sancta ParensVirgo Dei Genitrix)

 

16. Canon ad septimam (Orlando Lassus: Missa Du bon du cueur)

 

17. Das Geschriebene (Johannes Ockeghem: Missa Prolationum Sanctus)

 

18. Noctem verterunt in diem/ Etrursum post tenbas spero lucem

(Anon:. Missa Du bon du cueur)

 

19. Keine Sandkunst mehr (Johannes Ockeghem: Missa Prolationum Agnus Dei)

 

20. Finis est principium

(Guillaume de Machaut: Ma fin est mon commencement)

 

 

Kanon #2

 

DIE ZAHLEN, im Bund

mit der Bilder Verhängnis

und Gegen –

verhängnis.

 

Der drübergestülpte

Schädel, an dessen

schlafloser Schläfe ein irr –

lichternder Hammer

all das im Welttakt

besingt.

 

 

Kanon #4

WEISSGRAU aus –

geschachteten steilen

Gefühls.

 

Landeinwärts, hierher –

verwehter Strandhafer bläst

Sandmuster über

den Rauch von Brunnengesängen.

 

Ein Ohr, abgetrennt, lauscht.

 

Ein Aug, in Streifen geschnitten,

wird all dem gerecht.

 

 

Kanon #6

WO?

In den Lockermassen der Nacht.

 

Im Gramgeröll undgeschiebe,

im langsamsten Aufruhr,

im Weisheitsschacht Nie.

 

Wassernadeln

nähn den geborstenen

Schatten zusammener kämpft sich

tiefer hinunter,

frei.

 

 

Kanon #17

DAS GESCHRIEBENE höhlt sich, das

Gesprochene, meergrün,

brennt in den Buchten,

 

in den

verflüssigten Namen

schnellen die Tümmler,

 

 

im geewigten Nirgends, hier,

im Gedächtnis der über –

lauten Glocken inwo nur?

 

wer

in diesem

Schattengeviert

schnaubt, wer

unter ihm

schimmert auf, schimmert auf, schimmert auf?

 

 

Kanon #19

KEINE SANDKUNST MEHR, kein Sandbuch,

keine Meister.

 

Nichts erwürfelt. Wieviel

Stumme?

Siebenzehn.

 

Deine Fragedeine Antwort.

Dein Gesang, was weiß er?

 

Tiefimschnee,

Iefimnee,

I-i-e.

Paul Celan: Atemwende, 196365 (Suhrkamp, 1967)

English translations: Pierre Joris, 2014