Salvatore Sciarrino: 12 Madrigali
für sechs Stimmen
auf Haikus des japanischen Dichters Matsuo Bashô
(2008)In seinen 12 Madrigali bezieht sich Salvatore Sciarrino unmittelbar auf eine historische Gattung, doch er nähert sich ihr auf ganz subjektive Weise. Er betreibt keinen »Neomadrigalismo«, sondern erschließt sich neue Ausdrucksformen und überraschende Perspektiven–nicht zuletzt durch den Kunstgriff, dass er die sechs ausgewählten Texte je zweimal vertont, was zu verwirrenden Ähnlichkeiten und vielfältigen Querbezügen, aber auch zu markanten Unterschieden zwischen den paarweise verwandten Stücken führt.
Textvorlage sind sechs Haikus des japanischen Dichters Matsuo Bashô (1644–1694). Die Dreizeiler, die Sciarrino selbst ins Italienische übertrug, kreisen um elementare Wahrnehmungstatsachen: das Meer, die Inseln, die Wellen, die Felsen, die Grillen, die Lerchen. Ihren Widerhall finden diese Natureindrücke im Klang–die meditativen Texte und die sparsame Zeichensprache der Musik verschmelzen zu einer neuen Einheit.
Zu seinen Madrigali notierte Sciarrino, der Gesang, diese »geheimnisvolle und kraftvolle Einheit von Klang und Wort«, entstehe für ihn nicht einfach dadurch, dass man »für Stimme komponiert«. Man müsse zuerst »das Denken reinigen und den Intervallen ihre Transparenz zurückerobern, die von Bergen von Gesängen, von Musik aus der ganzen Welt zugeschüttet wurden–von all diesen gigantischen Müllhaufen, zwischen denen wir leben«. Und er fordert eine neue Ökologie des Klangs, geboren aus einem neuen Bewusstsein: »Rückkehr zur Stille, aber ganz besonders auch die Wiedergewinnung eines Aus-drucks ohne Gefühlskälte und ohne Rhetorik. Wenn sich die Stimme dem Schweigen anvertraut hat, bleiben nur noch Mund, Mundhöhle und Speichel. Die sich öffnenden Lippen, Grenze zu einer dunklen Leere, zum Durst und zum Hunger.«
Die paarweise textgleichen Madrigale sind einander nicht unmittelbar zugeordnet, sondern zu einer Folge von zweimal sechs Stücken gebündelt. Die zweite Gruppe verhält sich zur ersten in der Art eines »ungetreuen Spiegels« (»a specchio infedele«), und das in doppelter Hinsicht: Erstens ist die zweite Sechserserie nicht der Krebs der ersten, sondern ihre lineare Wiederholung, und zweitens ergeben auch die textgleichen Madrigale keineswegs detailgenaue Spiegelbilder; die Zweitversionen erzählen dieselbe Geschichte jeweils auf neue Weise, mit anderen Mitteln und aus anderer Perspektive. Die Inkongruenz der Spiegelbilder zeigt sich in den Madrigalen eins und sieben schon rein äußerlich in den enigmatischen Tempoangaben: »Tempo d’altro spazio« (»Tempo des anderen Raumes«) und »Tempo d’altro mare« (»Tempo des anderen Meeres«); ganz nebenbei werden damit auch Assoziationen an Luigi Nonos utopische »altri spazi« wach. Ähnliche Asymmetrien gibt es auch bei den andern Madrigal-paaren. So setzt das zweite Madrigal (Ecco mormorar l’onde) ganz textbezogen, leise murmelnd ein, das achte hingegen beginnt mit dem kompakten, wiederholten Schrei aller Stimmen: »Ecco!«. Oder die Madrigale fünf und elf, deren Thema der Gesang der Lerche ist: Das erste Mal wird der Text zu Vokalisen aufgelöst, das zweite Mal in weit auseinander stehenden, staccato-artigen Akkorden skandiert. Die Madrigale sechs und zwölf sind durch die ostinaten Rhythmen miteinander verwandt.
Im zwölften, das den Zyklus beschließt, findet zugleich ein Identitätstausch statt: Das in endlosen Sechzehntel-Ostinati sich artikulierende »Meer von Zikaden« erstarrt zu einer felsengleichen Struktur, während am Schluss zu den Worten »bevono le rocce« (»es trinken die Felsen«) sich der Sopran mit einer empfindsamen Melodielinie in die Höhe schwingt: Der Unterschied von organischer und anorganischer Materie verschwimmt.
Max Nyffeler
(Originalbeitrag für die CD-Produktion, col legno 2009, Neue Vocalsolisten)
Salvatore Sciarrino: 12 Madrigali
Part I
1 Quante isole!–Tempo d’altro spazio
2 Ecco mormorar l’onde–In attesa (non troppo lento)
3 La cicala!–Andante
4 Rosso, così rosso–Con sancio
5 O lodola–Alto volando
6 Sole alto–Disteso ma non lento
Part II (a specchio infedele)
1 Quante isole!–Tempo d’altro mare
2 Ecco mormorar l’onde–Tempo d’attesa
3 La cicala!–Andante
4 Rosso, così rosso–Lentissimo
5 O lodola–Gocce di parole
6 Sole alto–Col canto si alterna un tempo stretto