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Samir Odeh-Tamimi: Εντροπία Endropía

für Percussion solo, Elektronik und Video

Ausgangspunkt von meinem Werk Εντροπία Endropía ist der Begriff der Entropie: In Physik und Informationstheorie beschreibt er den Grad von Unordnung, Verdichtung und Irreversibilität in einem System. Entropie meint nicht Chaos im Sinne von Beliebigkeit, sondern die Tendenz von Systemen, sich zu verdichten, zu vernetzen und dabei an Komplexität zu gewinnen. Übertragen auf Musik wird Entropie hier als Prozess verstanden: eine zunehmende Verdichtung von Material, Zeit, Klang, Bewegung und Bild.

 

Das Werk besteht aus sechs Teilen (A–F), die sich auf vier räumlich klar definierte Positionen auf der Bühne verteilen. Diese Positionen sind in gleichmäßigen Abständen hintereinander angeordnet und bilden eine visuelle Linie der Verdichtung. Mit jeder neuen Position nimmt die Anzahl der Instrumente, die Materialvielfalt und die klangliche Komplexität zu. Die verwendeten MaterialienHolz, Metall, Stein, Fellsind nicht nur Klangquellen, sondern strukturelle Träger der Komposition.

 

Teil A beginnt an der ersten Position. Eine Holzkiste und eine Eisenkiste werden sitzend mit Holz- und Eisenschlägeln bespielt. Einzelne Schläge, Wischbewegungen und Reibungen entfalten sich zwischen sanften und heftigen Impulsen. Die Ereignisse sind zunächst vereinzelt, verdichten sich jedoch punktuell im Verlauf der Zeit. Klang entsteht aus Widerstand, Materialität und Körperkontakt.

 

Teil B bleibt an derselben Position. Zwei große Steine werden mit den Händen gerieben, in Kreisbewegungen geführt, gegeneinandergeschlagen und auf die Kisten übertragen. Reibung wird zu Rhythmus, Masse zu Klang. Hier setzt erstmals Live-Elektronik ein: Transpositionen und Delays erweitern die akustischen Gesten und erzeugen komplexe klangliche Überlagerungen, die über das physisch Produzierte hinausweisen.

 

Teil C verlagert sich zur zweiten Position. Ein massives Holzbrett wird stehend mit Holzhämmern gespielt. Aus einzelnen Schlägen entwickelt sich allmählich eine dichte Struktur. Die linke Hand etabliert einen schnellen, regelmäßigen Puls, während die rechte markante Akzente setzt, die sich gegeneinander verschieben. Diese rhythmische Spannung wirkt fordernd und entschieden, bis sich das Gefüge langsam auflöst und nahezu verschwindet. Dieser Teil bildet eine erste formale Zuspitzungund zugleich einen Moment der Kontrolle und Klarheit innerhalb des Gesamtprozesses.

Teil D führt zur dritten Position auf einem erhöhten Podest. Donnerblech, Tam-tam, China-Becken, Cymbal antique, Bongos, Tom-Toms und große Trommel werden mit dicken Holzschlägeln gespielt. Fell und Metall treten gleichberechtigt nebeneinander. Der Klangraum weitet sich, die Energie nimmt zu. Hier beginnt die deutliche Vermehrung des Materials: klanglich, räumlich und musikalisch wird das Werk dichter und komplexer.

 

Teil E kehrt zur zweiten Position zurück und nimmt Bezug auf Teil C. Ähnliche rhythmische Strukturen tauchen erneut auf, jedoch verschoben und neu kontextualisiert. Es handelt sich nicht um eine Wiederholung, sondern um eine Erinnerung. Der formale Fortschritt wird kurz gebremst, der Verlauf reflektiert sich selbst, bevor er erneut beschleunigt. Dieser Rückgriff erzeugt ein bewusstes Ungleichgewicht und schärft die Wahrnehmung für den folgenden Abschnitt.

 

Teil F, der längste und komplexeste Teil findet an der vierten Position statt, auf einem Podest, das noch höher liegt als das vorherige. Das Instrumentarium ist maximal erweitert: Donnerblech, Tam-tam, China-Becken, Eisenspirale, Blecheimer, Metallfass, Holzkiste, Bongos, Conga, Tom-Toms und große Trommel. Hinter der Spielerin/dem Spieler stehen drei große Leinwände in einem Viertelkreis. Eine Kamera nimmt die Performance live auf; das Bild wird zeitlich versetzt und in unterschiedlichen Tempi auf die Leinwände projiziert. Auf jeder Leinwand erscheint dieselbe Person in einem anderen zeitlichen Zustand.

 

Musikalisch kulminiert hier der Entropieprozess. Mehrere Delays, Samples und elektronische Schichten laufen gleichzeitig. Die Samples bestehen aus heterogenem Klangmaterial: Schafsglocken, Metall- und Holzklänge, Steine, Bienengeräusche sowie menschliche Stimmen in vielen verschiedenen Sprachen. Diese Schichten überlagern sich und erzeugen eine hohe sprachliche und klangliche Komplexität.

Damit erhält das Werk auch eine politische Dimension. Die Verdichtung von Stimmen und Sprachen verweist auf gegenwärtige gesellschaftliche Realitäten: Migration, Mehrsprachigkeit, digitale Vernetzung und die beschleunigte Entwicklung globaler Kommunikationssysteme. Entropie erscheint hier nicht nur als physikalisches Prinzip, sondern als Beschreibung unserer Zeiteiner Welt, in der sich alles überlagert, verdichtet und nicht mehr eindeutig entflechten lässt.

 

Die Dauer der einzelnen Teile folgt keinem starren mathematischen Schema, doch die formale Idee ist klar: Mit Ausnahme von Teil C werden die Abschnitte im Verlauf des Werkes zunehmend länger. Diese zeitliche Ausdehnung verstärkt die Wahrnehmung von Verdichtung, sodass der letzte Teil als maximaler Zustand von Komplexität, Überlagerung und Irreversibilität erfahrbar wird.

 

»Endropía« ist somit eine Komposition über Material, Zeit und Wahrnehmungüber Prozesse, die sich verdichten, verschieben und schließlich nicht mehr zurückführen lassen.

(Samir Odeh-Tamimi)